Der italienische Ursprung


Wenn man heute durch die Dörfer Nord- und Mittelitaliens fährt, sieht man sie nach wie vor: Kneipen und Versammlungshäuser mit der Aufschrift "Circolo A.R.C.I." Der Name hat sich längst verselbstständigt, so dass auch die Italiener oft nicht wissen, was die Abkürzung bedeutet: "Associazione ricreativa culturale Italiana". Übersetzt: Italienische Kultur- und Freizeitvereinigung, 1957 als Vorfeldorganisation der Kommunistischen Partei Italiens gegründet. Heute heißen die Kommunisten Linksdemokraten und gehören zur Familie der sozialdemokratischen Parteien. Aus der ARCI sind viele Untergruppen wie z. B. die Umweltliga "Lega Ambiente" hervorgegangen. Eine weitere entstand in den 80er Jahren in der piemontesischen Kleinstadt Bra, 50 Kilometer südlich von Turin, und nannte sich "Arcigola". "Gola" bedeutet so viel wie Maul aber auch Genuss. Der Anführer der Gruppe war Carlo Petrini, heute noch Präsident von Slow Food. Man gründete eine Vereinigung der Freunde des Barolo, die im engen Kontakt zur Zeitschrift "La Gola" stand.

Die offizielle Gründung von Arcigola erfolgte im Juli 1986 auf Fontanafredda, dem einstigen Sommersitz des Hauses Savoyen, heute ein Weingut im Besitz der gemeinnützigen Bank "Monte dei Paschi di Siena" mitten in den Barolo-Weinbergen (siehe Foto; links das Gebäude, in dem die Gründung statt fand).

Im zeitlichen Zusammenhang mit der Gründung muss man den Methanol-Skandal 1985/86 sehen. Mehrere Menschen waren an italienischem Wein, der mit Methanol verschnitten worden war, gestorben. Niemand wollte mehr italienischen Wein kaufen. Die Erneuerungsbewegung ging aus dem Gebiet des Barolo hervor. Petrini und seine Freunde von "Gambero Rosso" machten sich auf die Suche nach zuverlässsigen Weingütern. Daraus entstand 1988 der Weinführer "Vini d Italia", der noch heute von Gambero Rosso und Slow Food gemeinsam heraus gegeben wird.

Eine andere Wurzel, von der immer wieder die Rede ist: Mitte der 80er Jahre gab es heftige Auseinandersetzungen um den Plan von McDonalds, ausgerechnet in der Altstadt von Rom ein Hamburger-Restaurant zu errichten. Die Journalisten, die in der Nähe ihre Büros hatten - vor allem die Redakteure der linken Tageszeitung "Il Manifesto" mit der Gourmet-Beilage "Gambero Rosso" - taten sich zusammen, bauten 1986 auf der Piazza di Spagna einen Tisch auf und servierten dort Speisen nach italienischer Tradition. Längst ist daraus eine Legende geworden. Jedenfalls war es ein Protest gegen "Fast Food", der das Bewusstsein der Italiener für ihre kulinarischen Traditionen weckte. Einen direkten Zusammenhang mit der Gründung von Arcigola / Slow Food sieht Carlo Petrini allerdings nicht. Das McDonalds ist übrigens 2006 nach 20 Jahren wieder geschlossen worden.

Dies alles beflügelte die Arcigola-Bewegung Petrinis, und so entstand schließlich "Slow Food". Allerdings fand die Gründung 1989 nicht in Italien sondern in Paris statt. Es wurde ein Manifest beschlossen.

Mittlerweile hatte Arcigola entdeckt, dass die gute alte Osteria in Italien praktisch ausgestorben war. Jeder, der einen Gastronomie-Betrieb hatte, nannte ihn "Ristorante" und erwartete, dass der Gast ein mehrgängiges Menu bestellte. Die Arcigola-Leute kauften in der Alstadt von Bra ein Haus mit schönem Innenhof und richteten dort eine Osteria nach alter Art ein. Sie nannten sie "Boccondivino" (Foto). Diese Aktion wirkte landesweit ansteckend, und 1990 gab dann Slow Food den ersten Führer "Osterie d Italia" heraus. Die Idee war von dem legendären Peppino Cantarelli ausgegangen, der in der 70er Jahren im Samboseto aus einer Probierstube für regionale Spezialitäten das erste Zwei-Sterne-Restaurant Italiens gemacht hatte. Nach ihm ist heute der große Hörsaal der Slow-Food-Universität in Colorno benannt.


Slow Food ist heute weltweit mit rund 80 000 Mitgliedern aktiv. Wichtige Akzente setzt der "Salone del Gusto", den Slow Food alle zwei Jahre in Lingotto, dem ehemaligen Fiat-Werk in Turin veranstaltet. Seit 2004 kommt das parallele Treffen "Terra Madre" von Bauern, Produzenten, Köchen und Wissenschaftlern aus aller Welt hinzu. Geprägt wird die Bewegung auch durch die Stiftung für Biodiversität, für die jedes Mitglied fünf Euro pro Jahr zahlt. Sie kämpft weltweit für den Erhalt der Vielfalt bei Nutzpflanzen und -tieren und fördert die Produzentengemeinschaften, die dafür eintreten.

2004 schließlich wurde unter der Ägide von Slow Food die "Universität für Gastronomische Wissenschaften", die weltweit erste wissenschaftliche Einrichtung dieser Art, gegründet. Sie hat ihren Hauptsitz in Pollenzo, einem Ortsteil von Bra. 182 Slow-Food-Anhänger hatten sich zusammengetan, um dort die "Agenzia", das ehemalige Landwirtschaftsministerium des Königsreichs Savoyen, zu restaurieren, das 1832 neben dem königlichen Sommerschloss auf den Fundamenten eines alten römischen Handelszentrums errichtet worden war. Der zweite Sitz ist in Colorno bei Parma. Das kastellartige Gebäude in Pollenzo ist zur anderen Hälfte ein wunderschönes Vier-Sterne-Hotel. In den alten Kellergewölben ist die "Weinbank" untergebracht. Hier dürfen sich die 200 besten Weingüter Italiens präsentieren. Jedermann kann Genossenschaftsanteile zu 250 Euro zeichnen und hat damit das Vorkaufsrecht für jeweils eine Holzkiste mit Spitzenweinen, die im normalen Handel meist gar nicht erhältlich sind.

Zum Slow-Food-Zentrum, das in mehreren Altstadthäusern in der Straße "Mendicita Istriuta" ("Intelligente Bettelei") in Bra untergebracht ist (das "Boccondivino" gehört dazu), gehört auch der Verlag Slow Food Editore, der über 70 zum Teil periodische Bücher und die internationale, auch in deutscher Sprache erscheinende Zeitschrift "Slow" herausgibt. Seit 2004 ist die erste "Amtssprache" in Bra Englisch.

Inhaltich hat sich Slow Food weiter entwickelt. Die Bewegung ist weit mehr als ein Club von Genießern. Das "neue Slow Food" als Vereinigung von Produzenten und Konsumenten ("Co-Produzenten") folgt heute einem von Carlo Petrini formulierten Dreiklang: Buono, pulito e giusto - Gut, sauber und gerecht. "Pulito" steht auch für nachhaltig und gesund, "giusto" für fair.

Im Juni 2006 hat Carlo Petrini die Leitung von Slow Food Italien an Roberto Burdese abgegeben und konzentriert sich seither auf seine Aufgabe als Präsident der internationalen Bewegung.
Carlo Petrini
Bis heute ist Bra, 50 Kilometer südlich von Turin, der Sitz von Slow Food. Es ist das Tor zum Barolo und zum Gebiet Langhe-Roero, von jeher eine Genussregion. Hier wurde Carlo Petrini am 22. Juni 1949 geboren. Zunächst war er Vorsitzender der katholischen Diözensanjugend, bis er erfuhr, dass sein Großvater als Sozialist von Mussolini verfolgt und in die Verbannung geschickt worden war. Petrini wurde ein Linker.

Nach dem Soziologie-Studium in Trient engagierte er sich in der Politik. Über die Liste "Il Manifesto" wurde er in den Stadtrat von Bra gewählt. Seit 1977 schrieb er in italienischen Zeitschriften über Essen und Trinken und war an der Gründung der Zeitschrift "Gambero Rosso" beteiligt, die zunächst eine Monatsbeilage der Tageszeitung "Il Manifesto" war. Heute ist er Kolumnist ("Parla Carlin") der drittgrößten italienischen Tageszeitung "La Stampa".

In Bra gründete er nach dem Studium ein "freies" aber illegales Radio. Als er gewarnt wurde, dass die Polizei den Sender schließen werde, holte er den späteren Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo zur Hilfe. Der wohnte einen Monat lang in seinem Haus, und die Polizei traute sich nicht hinein. Fabrizio de André und andere linke Künstler gaben ein Solidaritätskonzert.

Petrini berichtet in dem Buch "Slow Food Revolution": Ein Schlüsselerlebnis für ihn war ein Busausflug mit Freunden nach Montalcino in der Toskana. Im Volkshaus, wo sie Gast des dortigen Arci waren, wurde ihnen eine ungenießbare Ribollita (Restesuppe) serviert, und statt des berühmten Brunello di Montalcino gab es einen dünnen Landwein. Auf der Rückfahrt verfasste Petrini unter dem Beifall seiner mit reisenden Genossen eine Erklärung zum "Menschenrecht auf Genuss". Es war sozusagen die geistige Geburtsstunde von Slow Food.

Links: Slow Food International, Slow Food Austria, Terra Madre 

Quellenangabe: Slowfood Deutschland